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Gaffen und filmen statt helfen?

Gaffen und filmen statt helfen

Das Internet, Smartphones und die sozialen Netzwerke wie Facebook und Co. zählen sicher zu den schönsten Errungenschaften der letzten 10 Jahre unserer Menschheit. Wo Licht ist, ist leider oft auch Schatten! Über die erschreckensten Begleiterscheinungen unserer schönen neuen smarten Welt werde ich mich jetzt in diesem Beitrag mal ausführlich auslassen und dabei ganz sicher kein Blatt vor den Mund nehmen. Im Gegenteil: mir ist zum Kotzen!

Ein schreckliches aktuelles Beispiel: zwei Männer stehen auf der A 60 bei Gustavsburg vor einem brennenden LKW und filmen mit ihren Handykameras. Der 59jährige Fahrer sitzt noch in der Kabine und schafft es alleine nicht raus. Zwei andere Menschen versuchen vergeblich, ihn zu befreien. Der Mann verbrennt. Zu viert hätte man es höchstwahrscheinlich geschafft, ein Menschenleben zu retten.

Die beiden Filmer haben einen „tollen“ neuen Film, mit dem sie auf Facebook angeben können. Der LKW Fahrer hinterlässt traurige und sicher auch wütende Angehörige.

Hier der YouTube Film zum geschilderten Vorfall. Nicht von den beiden Vollidioten, sondern vom hessischen Rundfunk. Nicht weil wir uns dran aufgeilen wollen, sondern weil hier auch ein Psychologe zum Thema zu Wort kommt.

Gaffen ist menschlich. Wenn irgendwo etwas passiert, MÜSSEN wir hinsehen. Diese Neugier ist uns quasi angeboren. Es spricht ja auch nichts dagegen, einen kurzen Blick zur Seite zu werfen, wenn wir auf der Gegenspur einer Autobahn an einem Unfall vorbeifahren. Immer mehr Menschen zücken aber mittlerweile zusätzlich ihr Smartphone und filmen locker drauflos. Und damit auch ein schicker Film draus wird, verlangsamt man seine Fahrt und stoppt vielleicht sogar den Wagen. Damit hinter einem der nächste Unfall passiert. Vielleicht liegt man als gaffender Hobbyfilmer dann ja selbst blutend in den Trümmern seines Autos und kämpft mit dem Leben – während die anderen sensationsgeil filmen. Vielleicht werden es ja sogar die letzten Minuten im Leben eines Menschen, der gern noch weiter gelebt hätte. Einer mit Frau und Kindern, die sich die Augen aus dem Kopf heulen werden. Und die Arschlöcher mit dem Smartphone kommen mit einer Geldstrafe davon.

Eine Handykamera aufs Geschehen halten ist ja so einfach. Hinlaufen und Leben retten könnte ja gefährlich werden. Man könnte etwas falsch machen und womöglich die schicken Klamotten mit fremdem Blut besudeln. Verdammt nochmal! Wir müssen anderen in der Not helfen! Mal ganz abgesehen davon, dass unterlassene Hilfeleistung unter Strafe steht. Kein Mensch kann so gewissenlos sein und mit der Schuld leben. Die stabile Seitenlage schafft jeder Idiot – auch ohne Erste-Hilfe-Kurs-Auffrischung. Und ein paar tröstende Worte kriegt auch jeder über die Lippen. Und allein die können schon viel helfen. Auch wenn der Notarzt es dann doch nicht mehr schafft und jede medizinische Hilfe leider zu spät kommt. Wir haben etwas getan. Auch wenn wir einen Mitmenschen lediglich in den letzten Minuten seines Lebens nicht allein gelassen haben.

Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke, irgendwann mal selbst hilflos auf der Strasse zu liegen. Und der letzte Blick meines Lebens geht in die Handykamera…


Buchempfehlung zum Thema: Kursbuch Erste Hilfe (Taschenbuch von Harald Karutz)

Matthias

Betreibt seit 1999 diverse Webseiten und Blogs, vor allem zu Verbraucherthemen. Alleinerziehender Vater von zwei Kindern.

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